Der Nebel
Ich sass an einem Ort. Von diesem Punkt aus sah ich nach vorne, auf die Seiten und nach hinten. Die Seiten waren vernebelt und ich konnte nicht viel sehen. Ich konnte versuchen bewusst die Seiten zu betrachten, aber in den Nebel zu schauen war anstrengend. Eine zusätzliche anstrengung war mir aber nicht genehm, denn der Stress in dem ich lebte war genug anstrengend.
Wären die Seiten überhaupt anschaubar gewesen, solange sich niemand dafür interessierte? Hätte ich die Lügen klar identifizieren können, wenn so viele Leute auf dieser Lüge bestanden und solange die Not und Höflichkeit, die mir eingeprägt worden sind mich hinderte die Lügner zu entlarven?
Klar sehen konnte ich nie, denn die Seiten waren ja vernebelt. Ich konnte nur die Umrisse sehen, konnte mit Anstrengung im Laufe der Zeit einige Details für mich erarbeiten. Dazu brauchte und brauche ich heute noch viel Zeit.
Es hat mir früher niemand beigebracht, wie ich durch den nebel schauen könnte. Und dies selbst erlernen? Dabei wurde ich nur einseitig und betrachtete die ganze Sache aus dem ganz falschen Blickwinkel. Weil mir das Beobachten der Seiten nur Unannehmlichkeiten und Konfliktsituationen bereitete, schaute ich überhaupt nicht mehr hin.
Ich hätte auch nach vorne schauen können. Aber es war nicht angenehm zu wissen was kommen würde. Es war keine e3rfreuliche Tatsache zu wissen, dass alles gleich bleiben würde.
So konnte ich trotz Ausbeutungen, Erniedrigungen und Machtausübungen überleben. Dabei hatte ich nur einen Gedanken und der war die Zeit. Ich glaubte, dass die Zeit Wunden heilt.
Die Wunden taten aber immer wieder weh und brauchten sehr viel Kraft und Energie. "Eines Tages werde ich alle meine Horrorerlebnisse aufschreiben, dann verwandeln sich die Wunden in Narben", dachte ich mir immer und immer wieder. Aber was für Erlebnisse? Es hatte ja nur Nebel!!
Seit sechs Jahren taste ich mich nun mit Begleitung durch den Nebel und schaue nach vorne. Ein steiniger Weg, der noch nicht zu Ende ist.
Aber es hat sich bis jetzt gelohnt hinzuschauen und vorwärts zu schreigten. Auch wenn der Weg manchmal steinig und unübersichtlich war, ich oft nicht mehr wusste welche Abzweigung ich nehmen sollte.
Mit jedem Jahr lichtete sich der Nebel. Die Steine, die Berge und Hindernisse mitten auf der Strasse wurden kleiner. Und wenn ich vor einer Verzweigung stehe fällt es mir heute leichter mich für einen Weg zu entscheiden.
Die bis heute erlangte innere Freiheit kann mir niemand mehr wegnehmen. Und die innere Kraft, die ich auf meinem mühsamen Weg erarbeitet habe hilft mir mich selber sein zu dürfen und mit meinem Beitrag mit all den Erfahrungen und der Verarbeitung des Missbrauchs anderen betroffenen Menschen zu helfen. Und vielleicht werden die nächsten Generationen einen etwas weniger steinigen Weg vorfinden.
Ein für mich bedeutsamer Satz von Alice Miller begleitet mich auf meinem Weg und unterstützt mich in der Begleitung, die ich anderen Missbrauchsopfern entgegenbringen darf:
"Damit ein misshandeltes Kind nicht zum Verbrecher oder Geisteskranken wird, ist es nötig, dass es zumindest einmal in seinem Leben einem Menschen begegnet, der eindeutig weiss, dass nicht das geschlagene, hilflose Kind, sondern seine Umgebung verrückt ist. Insofern kann das Wissen oder Nichtwissen der Gesellschaft (in der Person des Sozialarbeiters, Therapeuten, Lehrers, Psychiaters, Arztes, Beamten, Krankenschwester) das Leben retten oder es zu zerstören helfen".
Ich möchte alle Betroffenen ermutigen, gebt nicht auf, solltet ihr noch keine Hilfe gefunden haben. Wurdet ihr abgewiesen oder als unglaubwürdig hingestellt, versucht es an einer anderen Stelle. Es gibt sie, die verständnisvollen Leute, auch wenn ihr vielleicht nach der geeigneten Person suchen müsst.
Bericht eines Opfers
