Die Flohgeschichte
Im Juli 1946, Christa Falkner war eben 7 Jahre alt, hatte ihre Mutter einen Magendurchbruch und musste für mehrere Wochen ins Krankenhaus.
Für diese Zeit kam Christa nach Lüneburg zu Onkel Franz und Tante Gerti, der Schwester der Mutter. Tante Gerti hatte Glück und eine Stelle in der Küche des englischen Offizierskasinos. Onkel Franz, eigentlich Jurist, versuchte sich im Fahrradhandel und bastelte den ganzen Tag im Hof vor seiner Garage an verkohlten Schrotteilen rum, die angeblich wieder Fahrräder geben sollten.
Onkel Franz war Christas Lieblingsonkel. Er konnte nicht nur freihändig Radfahren, sondern mit Abstand die besten Geschichten erzählen.
Die Toilette war über dem Hof, wurde von allen Mietern des Hauses gemeinsam benützt und roch auch so. Christa ging nur ungern hin, eben weil es so stank, Unmengen Fliegen dort waren und das Klo selber so hoch, dass Christa kaum hochkam, und der Klositz so gross, dass sie reinzufallen drohte. So begleitete sie immer einer. Wenn Tante Gerti zur Arbeit war, tat es Onkel Franz.
Auf einem dieser Klogänge juckte es Christa an ihrer Muschi, und Onkel Franz rief sofort: „Flöhe! Hilfe Flöhe!“
Die Kopfläuse hatte Christa schon gehabt, zusammen mit der ganzen Klasse. Die Prozedur war schrecklich gewesen. Jetzt auch noch die Flöhe, nein! „Ich habe keine Flöhe.“ – „Wenn’s da juckt, sind es Flöhe.“ – „Meinst du?“ – „Natürlich, ich kenne mich mit Flöhen aus, aber keine Angst, wenn ein Floh da ist, werde ich ihn finden. Man nennt mich auch Franz, der Flohschreck.“ – „Und wenn’s eine Fliege war?“ – „Fliegen jucken nicht.“
Christa wurde auf den Klodeckel gestellt, und Franz, der Flohschreck begann mit der Suche. Auf dem Bauch, auf dem Po, in der Poritze – nichts. Er musste sich also in der Muschi versteckt haben. Ein ganz raffinierter Kerl. „Hast du ihn schon?“ – „Noch nicht, aber gleich. Mach die Beine auseinander, damit ich ihn besser sehen kann.“ Und er suchte eifrig weiter. Christa war das peinlich und unangenehm.
Der Floh und alles. Dann tat es ihr plötzlich sehr weh in der Muschi. „Aua, du tust mir weh, lass mich los, ich will runter.“ – „Jetzt, wo ich ihn fast habe. Sei ruhig, gleich kriegen wir ihn. Da. Da ist er!“ Onkel Franz warf den Floh zu Boden und zertrat ihn. „War das wirklich ein Floh?“ – „Ja, ein ganz gerissener dazu, aber er konnte mir doch nicht entkommen. Aber ein Floh kommt nie allein, wahrscheinlich ist da noch einer oder zwei.“ – „Noch zwei? Ich will keinen Floh mehr.“ Christa heulte los. Onkel Franz nahm sie auf den Arm, streichelte sie und tröstete sie „Ist ja gut. Flöhe sind ja auch ein Schreck. Aber sag um Himmels Willen nur nicht Tante Gerti, dass du Flöhe hast. Bei Ungeziefer wird die rabiat. Die bindet dich glatt bis zum Hals in einen Sack voller Flohpulver und lässt dich 8 Tage drin, und die ganze Zeit darfst du dich in dem Sack nicht bewegen. Das ist zwar wirkungsvoll, aber ich will nicht, dass Tante Gerti meine kleine Christa quält.“
So erfuhr Tante Gerti nichts von Christas Flöhen, die Franz, der Flohschreck immer wieder suchte. Christas Muschi brannte und tat weh. Aber das war doch immer noch besser als Tante Gertis Flohpulversack.
Dann kam ein Brief von Christas Papa. Mama würde in zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen und am Sonntag komme er und hole seine kleine Tochter, die ihm so fehle, heim.
Am Samstagabend war ein grosses Essen im Casino, und Tante Gerti musste länger arbeiten. Christa und Onkel Franz spielten lange Mensch ärgere dich nicht, und Christa gewann meistens. Dann lag Christa im Bett, und als sie schon eingeschlafen war, wurde sie wach davon, dass Onkel Franz zu ihr ins Bett kam. Wenn sie morgen ginge, müsse er heute noch den letzten Floh fangen. Sie habe bestimmt keinen Floh mehr, und Christa versuchte, ihren Onkel aus dem Bett zu schieben. Ausserdem sei es ja ganz finster, wie wolle er denn den Floh sehen. Franz, der Flohschreck, mache das schon, er kenne sich so gut aus, das werde sicher klappen.
Und er suchte, sie schubste ihn weg, aber er hielt sie fest, sie weinte, und er redete ihr freundlich und beruhigend zu, und es musste anstrengend sein, denn Onkel Franz schnaufte so laut, und dann war es plötzlich ruhig, und schlagartig wurde Christa klar: Onkel Franz hatte ins Bett gemacht.
Sie heulte wieder, und Onkel Franz tröstete sie. Er zitterte. „Ist dir kalt?“ – Onkel Franz meinte, es sei alles gut und erzählte ihr die Geschichte vom kleinen rosa Frosch, der sich in eine Kuh verliebte, und dann sagte er noch, dass er sie nie verraten würde. Niemals würde ein Mensch ein Sterbenswörtchen von ihm erfahren darüber, dass sie die Flöhe gehabt habe. Und Christa musste ihm hoch und heilig versprechen, es auch nie jemandem zu sagen, denn sonst erfahre es Tante Gerti, und die werde dann schrecklich böse mit ihm sein, dass er ihr das mit den Flöhen nicht gesagt hatte. Und Christa versprach es ihm und war froh, als Onkel Franz endlich ging. Und sie ekelte sich vor seinem Pissfleck im Bett und rückte ganz nah an die Wand, weg von dem Fleck und konnte lange nicht einschlafen. Irgendwas war blöd. Sie weinte.
Am nächsten Tag kam Papa, nahm sie hoch und fragte, wie es ihr gehe, und sie sagte gut, und Papa bedankte sich bei Tante Gerti und Onkel Franz, und Papa und Christa fuhren Zug. Und Papa streichelte ihr über das Haar, und sie mochte ihn nicht. „Ich werde nie heiraten“ sagte sie plötzlich. „Aha, und warum nicht?“ – „Weil ich denke, dass es doof ist.“ „Und was bin denn ich?“ – „Naja, auch doof, ein bisschen.“ Und Papa lachte, und Christa lachte auch, aber sie fand es gar nicht komisch.
[Diese Geschichte wurde an einem Workshop mit dem Thema „sexuelle Ausbeutung von Jungen und Mädchen“, behandelt und diskutiert. Den Workshop organisierte Limita Zürich, Fachstelle und Verein zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen. Meines Erachtens zeigt diese Geschichte deutlich, wie ein Kind manipuliert und zum Schweigen gebracht werden kann. Die Flohgeschichte stammt aus einem Theaterstück von Lili Walden (Berlin): „Der Schatten der Lawine“¨]
Bericht eines Vorstandsmitgliedes
H E R Z L I C H
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