Weshalb werden Kinder ausgebeutet?
Auf die Frage, weshalb Kinder sexuell ausgebeutet werden gibt es keine eindeutige Antwort. Doch es gibt einige Hinweise darauf, welche Faktoren und Ursachen zusammenspielen könnten:
Zum einen haben Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft eine untergeordnete Position. Die Erwachsenen haben ihnen gegenüber viel mehr Macht und Eltern besitzen ein grosses Verfügungsrecht über ihre Kinder.
Wo Machtunterschiede herrschen, können diese auch zur Befriedigung eigener Bedürfnisse missbraucht werden, auf Kosten der Schwächeren.
Ein Kind kann die Tragweite und die Folgen einer sexuellen Handlung nicht abschätzen und ist nicht in der Lage, dieser Handlung informiert und frei zuzustimmen. Aufgrund seiner Machtposition ist es für den Täter einfach, das Kind zum Mitmachen zu überreden oder zu zwingen.
Überall dort, wo Erwachsene glauben, über Erwachsene und Kinder verfügen und ihre Abhängigkeit ausnützen zu können, besteht die Gefahr von sexualisierter Gewalt. Umgekehrt heisst dies, dass es umso weniger sexuelle Gewalt gibt, je gleichgestellter Männer und Frauen sowie Erwachsene und Kinder sind.
Auch heute noch werden viele Kinder dazu erzogen, folgsam, nett und brav zu sein. Eine solche Erziehung macht sie zu leichten Opfern.
Sie lernen, dass Stärke und Durchsetzungsvermögen von vielen Menschen als negative Eigenschaft gewertet werden und von ihnen erwartet wird, angepasst und sanftmütig zu sein. Somit unterordnen sie sich den Interessen anderer, so auch in der Sexualität.
Aus dieser Perspektive gesehen ist das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern am grössten und die Gefahr eines Missbrauchs dieses Machtunterschiedes am stärksten.
Sexuell ausgebeutete Kinder stehen unter einem Geheimhaltungsdruck. Die meisten Betroffenen können und dürfen nicht darüber reden, was ihnen passiert. Sprachlosigkeit, Angst und Scham genügen, um das Kind zum Schweigen zu bringen.
Doch jedes Mädchen, jeder Junge, versucht auf seine Weise, den sexuellen Missbrauch zu beenden und auf seine Not aufmerksam zu machen. Das können beispielsweise Schlafstörungen sein, überangepasstes Verhalten, Schulschwierigkeiten, plötzlich auftretende Ängste, Essstörungen, eine sexualisierte Sprache oder auch verstärkte Aggressionen gegenüber anderen Kindern.
An uns Erwachsenen liegt es, diese verschlüsselten Hinweise ernst zu nehmen und zu versuchen, sie zu verstehen.
Wie ein Kind sexuelle Gewalt erlebt und welche Folgen dies für es hat, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab wie zum Beispiel dem Entwicklungsstand und der Persönlichkeit des Kindes, seinem Alter, der Nähe zum Täter und der Intensität der ausgeübten Gewalt.
Nicht jede sexualisierte Gewalthandlung muss für jedes Kind gleich traumatisch sein. Grundsätzlich gilt: Je näher der Täter dem Kind bekannt ist, je länger die sexuelle Ausbeutung dauert und je intensiver sie ist, desto schwerwiegender sind die Folgen für die Betroffenen. Umgekehrt bedeutet dies, dass ein frühzeitiges Erkennen und Stoppen von sexuellem Missbrauch die Folgen für ein betroffenes Kind erheblich lindern kann.
